Logo Heinrich Böll Stiftung Rheinland-Pfalz

John Cleland – Fanny Hill

„Der Anblick einer solchen Szene gab meiner Unschuld den Todesstreich.“

Der Roman besteht aus zwei Briefen, in denen die fiktive Verfasserin Fanny Hill einer Freundin rückblickend von ihrer Vergangenheit berichtet. Sie schildert, wie sie als gerade fünfzehnjähriges, naives und sexuell unschuldiges Waisenkind vom Lande in das von der Industrialisierung geprägte London kommt und von einer Bordellmutter angeheuert wird. Eines Tages lernt sie den wohlhabenden Charles kennen und lieben, der ihr verspricht, sie zu befreien. Da Charles jedoch auf eine lange Auslandreise geht, muss sie zurück ins Bordell. Dort lässt sie sich ganz auf ihre Freier ein und steigt zur Edeldirne auf. Fanny erbt schließlich ein beachtliches Vermögen von einem älteren Kunden und gewinnt so ihre Unabhängigkeit wieder. Sie begibt sich auf die Suche nach Charles und findet an seiner Seite endlich ihre Bestimmung als treue Ehefrau und vorbildliche Mutter.

John Cleland wurde im Jahre 1709 geboren und war ein englischer Abenteurer und Weltreisender aus großbürgerlichem Elternhaus. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten musste er vom Februar 1748 bis zum März 1749 im Schuldgefängnis Fleet Prison einsitzen. Dort stellte er die „Memoires of a Woman of Pleasure“ fertig.

Mit „Fanny Hill“ erschien 1749 ein Prototyp des pornografischen Romans in der englischen Literatur. Es war der erste Roman, der primär und intentional pornografische Inhalte vermittelte. Aufgrund der detaillierten Schilderung galt das Buch von Anfang an als skandalös.

Schon direkt nach der Veröffentlichung seines Buches wurde Cleland verhaftet und verhört. In der Folge wurden seine Bücher in England für lange Zeit verboten. Auch in anderen Ländern, beispielsweise Österreich, Amerika und Portugal, durfte das Buch mehrere Jahre lang nicht erscheinen.

In Deutschland war es bis 1969 verboten. In Deutschland kam der Bundesgerichtshof in Karlsruhe am 23. Juli 1969 zu der Ansicht, dass die „Anschauungen darüber, was […] gemeinschaftsschädlich wirkt und wo demnach die Toleranzgrenze gegenüber geschlechtsbezogenen Darstellungen zu ziehen ist“, „zeitbedingt und damit dem Wandel unterworfen“ sind, und hob das Verbot des Buches auf. Als weitere Begründung wurde angeführt: „Das Strafgesetz hat nicht die Aufgabe, auf geschlechtlichem Gebiet einen moralischen Standard des erwachsenen Bürgers durchzusetzen, sondern es hat die Sozialordnung der Gemeinschaft vor Störungen und groben Belästigungen zu schützen.“ Diese Entscheidung ging als „Fanny-Hill-Urteil“ in die deutsche Rechtsgeschichte ein.

William S. Burroughs - Naked Lunch

„Unpersönlich betrachtet der Süchtige seinen Körper als ein Instrument, das das Medium, in dem er lebt, absorbiert. Mit den kalten Händen eines Pferdehändlers schätzt er das Gewebe ab. 'Keinen Zweck, es hier zu versuchen.' Tote Fischaugen fliegen über eine verwüstete Vene.“

Burroughs schrieb an dem Text für „Naked Lunch“, nachdem er seine zwölfjährige Heroinsucht überwunden hatte und stattdessen täglich erhebliche Mengen Alkohol und Cannabis konsumierte. Unter dem Einfluss dieser Substanzen brachte er in einem beinahe automatischen Schreiben eine große Menge literarischer Ergüsse zu Papier.Autorenfreunde mussten ihm schließlich dabei helfen, aus dem Material ein editionsfähiges Manuskript zusammenzustellen.

Das Ergebnis: In „Naked Lunch“ wechseln sich unzusammenhängende Aufzeichnungen und reale Erlebnisse ab mit Halluzinationen und Phantasien, die keinem roten Faden folgen. Drogen und Wahn, Sex bis zum Abwinken, keine Handlung – so sorgte das Buch für Furore.

William Seward Burroughs wurde am 5. Februar 1914 in St. Louis, Missouri, geboren. Er studierte englische Literatur in Harvard. Burroughs reiste durch Europa und erkundete die homosexuelle Subkultur und Künstlerszene. Ab 1944 lebte Burroughs mit Joan Vollmer Adams zusammen. 1951 kam es dort zu einem tragischen Vorfall: Burroughs erschoss sie, als er betrunken die Apfelszene aus Schillers Drama „Wilhelm Tell“ mit ihr nachstellte. Die Tat wurde schließlich als Unfall beurteilt. Mit seinem 1959 veröffentlichten „Naked Lunch“ avancierte er zur Leitfigur der amerikanischen Gegenkultur und Ikone der Popkultur.

„Naked Lunch“ erschien erstmals im Verlag Olympia Press in Paris, der sich sexuell eindeutiger englischsprachiger Literatur verschrieben hatte. Erst nach einer Neuauflage im New Yorker Verlag Grove Press 1962 nahm die literarische Kritik das Werk richtig zur Kenntnis – im positiven wie negativen Sinne. In einigen Bundesstaaten reagierte man direkt mit einem Verbot des Buches.

In Australien war „Naked Lunch“ für mehr als ein Jahrzehnt verboten, nachdem es als „hard-core pornography“ gebrandmarkt wurde.

Dass Burroughs Buch zu einem Skandal wurde, stand ganz im Zeichen der Beat Generation. In ihren Werken rebellierten die unkonventionellen Autoren gegen die USA der Nachkriegszeit, gegen Prüderie, Anti-Kommunismus und Technikgläubigkeit.

Vladimir Nabokov – Lolita

„Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta. Sie war Lo, kurz Lo, am Morgen, 1,50 groß in einem Söckchen. Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule. Sie war Dolores von amtswegen. Aber in meinen Armen war sie immer Lolita.“

Humbert Humbert, ein in die USA emigrierter Literaturwissenschaftler im mittleren Alter, ist sexuell völlig hingerissen von dem zwölfjährigen Mädchen Dolores, genannt Lolita. Er heiratet deren verwitwete Mutter, um in ihrer Nähe bleiben zu können. Als seine Ehefrau auf tragische Weise ums Leben kommt, irrt er mit Lolita durch Amerika. Das Mädchen wird zu Humberts Geliebten und beginnt, ihre Reize auszunutzen. Humbert wird ihr sexuell hörig und steigert sich in eine wahnhafte Begierde.

Lolita ist sicher keine jugendliche verführende Nymphe, wie sie beispielsweise in Stanley Kubricks Verfilmung von 1962 dargestellt wird. Sie ist offenkundig noch ein Kind. Obwohl Nabokov die Thematik in seinem Buch deutlich offenlegt, lässt seine spielerisch sinnliche Eleganz der Sprache die Geschichte um den pädophilen Protagonisten erträglicher erscheinen.

Vladimir Vladimirowitsch Nabokov wurde am 22. April 1899 im russischen St. Petersburg geboren und wuchs dreisprachig auf. Sein Leben war durch mehrfaches Exil geprägt. Infolge der Oktoberrevolution emigrierte die Familie 1919 über Jalta nach England, später nach Berlin. Seine Werke waren in der UdSSR bis Mitte der 1980er Jahre verboten. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wanderte Nabokov gemeinsam mit seiner jüdischen Ehefrau Véra über Frankreich nach Amerika aus. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller war Nabokov Insektenforscher.

Nachdem „Lolita“ zuvor von fünf amerikanischen Verlegern abgelehnt worden war, erschien das Buch 1955 im Verlag Olympia Press von Maurice Girodias in Paris. Nabokov selbst befürchtete, dass eine naive amerikanische Leserschaft ihn mit dem Ich-Erzähler gleichsetzen könnte. An seinen Verleger schrieb er: „Sie und ich wissen, dass Lolita ein ernsthaftes Werk mit einer ernsthaften Absicht ist. Ich hoffe, die Öffentlichkeit wird das so akzeptieren. Ein Skandalerfolg würde mich traurig machen.“ Doch genau dieser Skandalerfolg trat ein.

Tatsächlich wurde das Buch zwar nicht in den USA zensiert – dafür aber in zahlreichen anderen Ländern. Neben den negativen Stimmen gab es viele Kritiker, die das Werk als eine meisterhafte Mischung aus Tragödie und Komödie bewunderten.

Henry Miller - Wendekreis des Krebses

„Ich wurde hierher geschickt aus einem Grunde, den ich noch nicht klar erkannt habe. Ich habe kein Geld, keine Zuflucht und keine Hoffnungen. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt."

Miller schrieb „Wendekreis des Krebses“ zwischen 1930 und 1932, teilweise basierend auf seinen eigenen Erlebnissen in Paris: Ein unbekannter, aber begabter Schreiberling kommt aus Amerika in den Sündenpfuhl Paris, immer hungrig, immer abgebrannt, immer bereit, in das nächste Bordell einzukehren. Das Buch ist im Stil undatierter Tagebuch-Einträge geschrieben, in denen sich eindeutig sexuelle Schilderungen, allgemein philosophische Überlegungen sowie oftmals surrealistisch und burlesk überzeichnet dargestellte Alltags-Situationen abwechseln.

Henry Valentine Miller wurde am 26. Dezember 1891 in New York geboren. Nach dem Abbruch seines Studiums verdiente Miller seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs und schrieb nebenher als Schriftsteller an ersten, kaum erfolgreichen Werken. 1930 bis 1939 lebte er in Paris, wo er die Nähe zum eher unkonventionellen Künstlermilieu suchte. 1939 zog Henry Miller nach Griechenland, im Jahr darauf kehrte er wegen des Zweiten Weltkriegs in die USA zurück.

Lange Zeit in Amerika verboten, wurde das Buch dennoch illegal eingeführt und trug zu Henry Millers Bekanntheit bei. Er wurde zu einem der Wegbereiter der sexuellen Emanzipation in der Literatur.
„Wendekreis des Krebses“ erschien 1934 im Pariser Verlag „Obelisk Press“, der darauf ausgerichtet war, englische und amerikanische Touristen in Paris mit Literatur an der Grenze zwischen Erotik und der auch in Frankreich verbotenen Pornographie zu bedienen.

Aufgrund von Millers offenem Umgang mit Liebe und Sexualität wurden seine Werke in Amerika als pornografische Schriften eingestuft und verboten. Erst 1961 erschien das Buch in den USA und löste eine Reihe aufsehenerregender Gerichtsverhandlungen aus, in denen der Inhalt des Buches geprüft wurde. Das oberste Gericht der USA erklärte „Wendekreis des Krebses“ 1964 schließlich für nicht obszön und der modernen Literatur zugehörig.

Auch in vielen anderen Ländern weltweit wurde die Publikation von „Wendekreis des Krebses“, wenn auch nicht immer gleich verboten, zumindest heftig diskutiert.