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Joanne K. Rowling - Harry Potter und der Stein der Weisen

„Nun los, so setzt mich auf, nur Mut, habt nur Vertrauen zum Sprechenden Hut!“

Der Waisenjunge Harry Potter erfährt an seinem elften Geburtstag, dass er ein Zauberer ist und sich in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, einfinden soll. Dort stürzt er von einem Abenteuer ins nächste, muss gegen Bestien, Mitschüler und Fabelwesen kämpfen, und letztlich dem mächtigen schwarzen Magier Lord Voldemort, der nach absoluter Macht und Unsterblichkeit strebt, gegenübertreten.

Joanne K. Rowling kam am 31. Juli 1965 in der englischen Kleinstadt Yate, South Gloucestershire, zur Welt. Seit 1990 arbeitete sie an der Harry Potter Serie – an allen sieben Büchern gleichzeitig. Das Ende des letzten Kapitels hatte sie demnach schon recht früh festgelegt und sorgfältig auf den vorbestimmten Höhepunkt hingearbeitet. Nachdem sie 1995 das erste Buch abgeschlossen hatte, zirkulierte ihr Manuskript unter den Londoner Verlagen. Zwölfmal wurde es abgelehnt, bis es schließlich bei Bloomsbury landete. Dort wurde ihr geraten, das Buch nicht unter ihrem vollständigen Vornamen herauszugeben, aufgrund der Befürchtung, dass Jungen weniger Interesse an einem von einer Frau geschriebenen Buch hätten.

Der Erfolg ihrer Harry Potter-Reihe hat Rowling zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen weltweit gemacht.

Im konservativen Land Saudi-Arabien gelten Magie und Hexerei als religiöse Vergehen gegen den islamischen Glauben, für die in der Vergangenheit bereits hohe Strafen bis hin zur Todesstrafe ausgesprochen wurden. Als Kontrollinstanz wird die Religionspolizei, in Saudi-Arabien bekannt als „Behörde für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und Verhinderung von Lastern“, eingesetzt.

In den USA gab es seit 1999 zahlreiche Versuche christlicher Fundamentalisten und besorgter Eltern, „Harry Potter“ aus den Schulbibliotheken verbannen oder ganz verbieten zu lassen. Die Bücher würden sich gegen herkömmliche religiöse Anschauungen und Familienbilder richten und Kinder durch die Darstellung von Okkultismus, Satanismus und Gewalt negativ beeinflussen. Der Unmut einiger Priester und Prediger führte vereinzelt sogar zur organisierten Verbrennung der Potter-Bücher, so beispielsweise 2001 in Pittsburgh während eines öffentlichen „book burning“-Gottesdienstes.

Auch die Leiterin der St. Mary's Island-Grundschule Chatham im Südosten Englands ließ die Potter-Bücher 2000 verbieten, da sie im Widerspruch zur biblischen Lehre stehen und gegen die religiöse Moral an ihrer Schule verstoßen würden.

Mary Shelley – Frankenstein

„Hör mich an, Frankenstein. Du bezichtigst mich des Mordes, und trotzdem würdest du ruhigen Gewissens dein eigenes Geschöpf vernichten. Oh, gelobt sei die ewige Gerechtigkeit der Menschen!“

Der Naturforscher Victor Frankenstein ist von der Idee besessen, das „Elixier des Lebens“ zu finden. Es gelingt ihm, aus Menschenknochen und Leichenteilen ein Wesen zusammenzusetzen und zum Leben zu erwecken. Das Geschöpf sehnt sich nach Liebe und der Gesellschaft anderer, erfährt jedoch aufgrund seiner Hässlichkeit nichts als Ausgrenzung und Zurückweisung. In seiner ursprünglich kindlich-schuldlosen Seele entsteht so das Böse. Frankensteins Kreatur tötet, weil sie nicht lieben darf, und nimmt hasserfüllt Rache an seinem Schöpfer.

Mary Shelley, geborene Mary Godwin, wurde am 30. August 1797 in London geboren. Mary Shelley verbrachte den Sommer 1816 zusammen mit anderen Briten, unter anderem Lord Byron, in einer Villa am Genfersee. Aufgrund des extrem schlechten Wetters beschlossen sie, jeweils eine Schauergeschichte zu schreiben und den anderen vorzutragen. Mary Shelley schrieb die Geschichte „Frankenstein“.

Im Kaisertum Österreich erlangte das Zensurwesen unter dem strengen Observierungssystem von Staatskanzler Metternich seinen Höhepunkt. Als anstößig galt alles, was die Habsburgermonarchie erschüttern, den österreichischen Monarchen, seine Familie und seine Regierung in Verruf bringen könnte. Nichts sollte die Untertanen vom Glanz der Monarchie ablenken – Alles was aufrührerisch, beleidigend, sittenwidrig oder gar aufklärerisch erschien, gelangte auf Verbotslisten. So traf es auch den Schauerroman „Frankenstein“, der, düster und abstrus in seiner Erzählung, unangenehme Fragen aufwarf. Im Zuge der Revolution von 1848 trat Metternich schließlich von seinem Amt zurück und Ferdinand I. willigte ein, die Zensurbestimmungen aufzuheben.

Ab 1948 wurde die Südafrikanische Union unter der Nationalen Partei in einen rassistischen Polizeistaat verwandelt. Die Rassendiskriminierung in Südafrika, die Apartheid, wurde auf systematische Art und Weise institutionalisiert und gesetzlich festgeschrieben. Nicht verwunderlich erscheint in diesem Zusammenhang, dass solch ein Regime es für nötig hielt, „Frankenstein“ auf den Index zu setzen, weil darin erzählt wird, wie eine Kreatur gegen seinen Herrn aufbegehrt – eine Geschichte, die vor der menschlichen Hybris warnt, sich selbst zum Gott über andere machen zu wollen.

Lewis Carroll - Alice im Wunderland

„Viel Glück zum Nichtgeburtstag für dich" – "Für mich?" "Viel Glück zum Nichtgeburtstag für dich" – "Für mich?" "Drum blas' die Kerzen aus mein Kind und wünsch dir was geschwind. Viel Glück zum Nichtgeburtstag für dich.“

Alice folgt einem weißen Kaninchen, das aufgeregt an ihr vorbeihuscht, und fällt in einen Kaninchenbau. So kommt sie in eine bizarre Welt Namens „Wunderland“, in der eigene Gesetze gelten, Logik anders wirkt und der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. Auf ihrem Weg durch das Wunderland trifft sie allerlei seltsame, teils anthropomorphe Gestalten – die immer grinsende Katze, die sich unsichtbar machen kann, den Märzhasen und den verrückten Hutmacher, die eine ewige Teeparty veranstalten oder die despotische Herzkönigin, die liebend gerne jemandem den Kopf abschlagen lassen möchte. Lewis Carrolls extrem verzerrte, ironische Erzählung kann als Gegenentwurf zur viktorianischen Gesellschaft mit ihren rigiden Konventionen gelesen werden.

Charles Lutwidge Dodgson wurde am 27. Januar 1832 in Cheshire geboren und wuchs gemeinsam mit zehn Geschwistern auf. Für seine literarischen Publikationen wählte er ab 1856 das Pseudonym Lewis Carroll. Seine akademische und nicht-akademische Identität wollte er streng getrennt wissen, , wie er in einem Brief schrieb: "Reverend Charles Lutwidge Dodgson, Mathematik-Dozent, Linkshänder, Stotterer, Menschenfeind; und Lewis Carroll, Unsinndichter und Kinderfreund."

In der Provinz Hunan (China) wurde „Alice im Wunderland“ 1931 von General Ho Chien wegen der Darstellung anthropomorphisierter Tiere, die damit auf die gleiche Ebene wie Menschen gestellt werden, verboten. Eingefleischte Konfuzianer sahen die fehlende Unterscheidung zwischen den Welten von Tieren und Menschen als Beleidigung an und befürchteten, das soziale Verhalten von Kindern könnte dadurch beeinträchtigt werden.

In den USA wurde das Buch zunächst um 1900 in New Hampshire an allen öffentlichen Schulen verboten. Das Werk wurde beschuldigt, sexuelle Fantasien und Masturbation zu fördern. Dieser Vorwurf bezog sich höchstwahrscheinlich weniger auf den Inhalt des Romans als auf die immer wieder erörterten, umstrittenen sexuellen Neigungen des Autors.

In den 1960er Jahren erlangte das Werk in der psychedelischen Bewegung eine neue Popularität. Die Überzeugung, die Geschichte von Alice wäre die Darstellung eines Drogentrips und könnte zum Gebrauch bewusstseinsverändernder Substanzen verführen, bewegte besorgte Eltern in Amerika dazu, ein Verbot des Buches zu fordern.

Jevgenij Samjatin - Wir

„Nachdem die UNION den Hunger besiegt hatte, führte sie Krieg gegen das zweite weltbeherrschende Element, die Liebe.“

In ferner Zukunft, in einem fast perfekten „Vereinigten Staat“, der nach einem 200-jährigen Krieg und der „allerletzten Revolution“ entstand, ist buchstäblich alles gläsern: die Häuser, die Möbel – und das Leben der Menschen. Der Mathematiker D-503 ist der perfekte Bürger eines perfekten Staates – bis er sich in die Rebellin I-330 verliebt. Alles wird anders, die perfekte Welt bekommt Risse und eine Revolution bricht aus.

Samjatin hat es geschafft, mit „Wir“ bereits 1920 die totalitären Herrschaftskatastrophen des 20. Jahrhunderts schreibend vorwegzunehmen.

Jevgeij Iwanowitsch Samjatin wurde 1884 im russischen Lebedjan geboren. Von Beruf Schiffbau-Ingenieur war er schon während seines Studiums mit Erzählungen und Satiren als Schriftsteller erfolgreich. Schon früh erklärte er sich zum Bolschewisten, beteiligte sich als Revolutionär der ersten Stunde an der Meuterei auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ 1905 und spielte 1917 eine aktive Rolle während der Oktoberrevolution. Als Autor und eigenwilliger Denker geriet er schnell in Konflikt mit der sich etablierenden Sowjetmacht. Sein Werk „Wir“, das er 1920 fertigstellte, landete direkt auf der Verbotsliste des sowjetischen Zensurbüros. 1929 verließ Samjatin den sowjetischen Schriftstellerverband. 1931 erhielt er die Erlaubnis, das Land zu verlassen.

In der Oktoberrevolution 1917 kamen die Bolschewiken unter der Führung von Lenin an die Macht. Es folgte ein grausamer Bürgerkrieg.  Samjetin zeigte sich enttäuscht von den Folgen der Revolution und begann, sich kritisch gegenüber den sich neu etablierenden Machtstrukturen auszusprechen. Nicht ohne Grund wurde sein Roman „Wir“ von 1920 daraufhin als Parabel begriffen, die eine indirekte Kritik an der sich im Aufbau befindenden sowjetischen Gesellschaft beinhalte. Es dauerte nicht lange und Samjatin wurde von der russischen Regierung mit einem Schreibverbot belegt. Die Veröffentlichung von „Wir“ war in der Sowjetunion bis weit über seinen Tod hinaus verboten.

Das Originalmanuskript von „Wir“ gilt als verschollen. Anfang der 1920er Jahre gelang anonym eine wohl vollständige Fassung des Romans nach New York. Im Ausland konnte er so in verschiedenen Sprachen erscheinen. Erst 1988 wurde das Werk in der Sowjetunion in einer vollständigen russischen Ausgabe veröffentlicht.