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Else Lasker-Schüler - Hebräische Balladen

„Da ging ein Sehnen weich durch Israel –/ Denn Josuas Herz erquickte wie ein Quell./ Des Bibelvolkes Judenleib war sein Altar.“

In ihrem Gedichtband „Hebräische Balladen“ setzte sich Else Lasker-Schüler poetisch mit ihrer Herkunft, der jüdisch-biblischen Welt, auseinander. Als Vorlage für die Gedichte dienten ihr eine Reihe biblischer Motive und Gestalten. Mit ihrem Zyklus, dessen Titel angelehnt ist an Heinrich Heines „Hebräische Melodien“, realisierte sie eine mythologisierende und orientalisierende Annäherung an das Judentum. Es ist insbesondere dieses Werk, das ihren Ruf als „jüdische Dichterin“ mitbegründete.

Else Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld, einem heutigen Stadtteil Wuppertals, als jüngste Tochter des jüdischen Privatbankiers geboren. 1932 erhielt Lasker-Schüler als große Repräsentantin des Expressionismus in der Literatur den Kleist-Preis für ihr Gesamtwerk. 1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Ein Jahr später reiste sie zum dritten Mal nach Palästina. Der Kriegsausbruch hinderte sie an einer Rückkehr in die Schweiz. Den Rest ihres Lebens verbrachte die Dichterin in Jerusalem und starb dort am 22. Januar 1945.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Leben der Juden in Deutschland durch drastische Maßnahmen und Gesetze beschnitten. Zunehmend wurden sie verfolgt, verhaftet und letztendlich ermordet. So wurden auch zahlreiche Schriftsteller von den Nationalsozialisten geächtet, weil sie oder ihre Vorfahren jüdischer Abstammung waren. Nachdem Else Lasker-Schüler auf offener Straße von Männern der nationalsozialistischen Sturmabteilung verprügelt worden war, floh sie aus Deutschland. Ihre Werke wurden verboten und verbrannt, ihre Bilder 1937 als „entartet" aus der Berliner Nationalgalerie beschlagnahmt.

Erich Kästner - Herz auf Taille

„Wie dann die Amseln und die Veilchen lachten!/ Die Welt bleibt rund. Und du bleibst ein Idiot./ Es lohnt sich nicht, die Menschen zu verachten./ Nimm einen Strick. Und schieß dich damit tot.“

„Herz auf Taille“ ist einer Gedichtsammlung voller Biss, scharfem Humor und Wärme, die Erich Kästner 1928 über Nacht berühmt machte. Im Vorwort zur 1965 erschienenen Ausgabe erinnert sich Kästner: „Das Buch erschien und hatte, bei Freund und Feind, Erfolg.“ . Erich Kästners Reime spiegeln den Geist der Zeit wider. Von den Eindrücken der Nachkriegszeit des 1. Weltkriegs beeinflusst, sind sie ein Plädoyer für die Menschlichkeit, mal einfühlsam, mal ruppig, sarkastisch, mit unverstelltem Blick.

Erich Kästner kam am 23. Februar 1899 in Dresden zur Welt. Er wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen des Arbeitermilieus auf, maßgeblich geprägt durch sein sozialdemokratisches Elternhaus. Mit seiner „Gebrauchslyrik“ avancierte Kästner zur wichtigsten Stimme der Neuen Sachlichkeit. 1929 erschien mit „Emil und die Detektive“ Kästners erstes Kinderbuch, das zu einem Verkaufsschlager wurde. 1931 veröffentlichte er seinen Roman „Fabian –Die Geschichte eines Moralisten“, in dem er am Beispiel seines Protagonisten den Niedergang der Weimarer Republik skizziert.

Nach der Machtergreifung Hitlers erhielt Kästner als regimekritischer Autor Publikationsverbot. Kästners Antimilitarismus und scharfsinniger Spott auf Obrigkeiten und Hierarchien wurden von den Nationalsozialisten als schändlich und undeutsch aufgefasst. Auch sein Mitwirken in den aufgeklärten und modernistischen Künstler- und Intellektuellenkreisen Berlins und die Freundschaft mit Kommunisten und Juden taten ihr Übriges. Kästner wurde mehrmals von der Gestapo vernommen und aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Seine Werke übergab man mit dem Ausruf „Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!“ den Flammen. Als einziger Autor war Kästner bei dem Verbrennen seiner eigenen Bücher anwesend.

Nur „Emil und die Detektive“ war bereits so beliebt und in den Herzen der Bevölkerung verankert, dass es auf der „Schwarzen Liste“ zunächst hieß: „alles außer: Emil“. Kästner ging nicht ins Exil, er blieb im Land und zog die innere Emigration vor. Mal sagte er: „als Chronist“, aber „Ich war nur passiv geblieben“.

Pablo Neruda - Der große Gesang (Canto General)

„Woher denn stamme ich, wenn nicht aus diesen/ uranfänglichen und blauen/ Materien, die sich ineinanderschlingen, schwellen oder/ einander verdrängen“

Im spanischen Original tragen Nerudas Gedichte den Titel „Canto General“. Mit seinem alles umgreifenden Gesang wollte Neruda Lateinamerika in seiner Gesamtheit erfassen, seine Identität und kulturelle sowie politische Gleichwertigkeit herausstellen. Die Geschichte Lateinamerikas deutete er als Abfolge von Unterdrückungs- und Befreiungskämpfen mit einem klar definierten Ziel – der Unabhängigkeit. Neruda machte sich damit zum Sprecher eines unterdrückten und ausgebeuteten Volkes. Er stand mit Überzeugung auf der Seite der Menschen „ohne Schuhe und Schule“.

Pablo Neruda, gebürtig Neftalí Ricardo Reyes Basoalto, wurde am 12. Juli 1904 als Sohn eines Eisenbahnfahrers und einer Lehrerin im chilenischen Parral geboren. 1921 begann er, in Santiago de Chile Französisch und Pädagogik zu studieren und veröffentlichte schon ab 1923 regelmäßig Gedichte, für die er das Pseudonym „Pablo Neruda“ wählte.
Als der Dichter Federico García Lorca, ein Freund Nerudas, im Zuge der Auseinandersetzungen des beginnenden spanischen Bürgerkriegs von den Faschisten ermordet worden war, wurden die Werke Nerudas zunehmend politisch. 1971 erhielt Neruda für sein Lebenswerk den Nobelpreis für Literatur.

Seit Chile 1818 seine Unabhängigkeit von Spanien erklärt hatte, stand vor allem die ungleiche Verteilung des Reichtums, der durch Rohstoffabbau und -handel erwirtschaftet wurde, im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen. Die Geschichte des Landes ist geprägt von politischen Konflikten, Umwälzungen und Abhängigkeiten. Nach einem Jahrzehnt unter christdemokratischer Präsidentschaft wurde 1970 der Sozialist Salvador Allende zum Präsidenten gewählt. Bereits drei Jahre später, am 11. September 1973, kam es zum Militärputsch unter Augusto Pinochet. Unter der Militärdiktatur wurden politische Parteien verboten, das Parlament aufgelöst, die Pressefreiheit aufgehoben und gewerkschaftliche Aktivitäten unterdrückt. Politische Gegner und Andersdenkende wurden verfolgt, gefoltert, inhaftiert oder ins Exil getrieben. Da Neruda Mitglied der Kommunistischen Partei und Freund und Unterstützer Salvador Allendes war, hatten die Putschisten es auch auf ihn abgesehen. Die Werke des „Regimekritikers“ Neruda waren während der Diktatur in Chile verboten.

Federico García Lorca - Dichter in New York

„Landschaft mit Menschenmenge, die sich erbricht; Landschaft mit uriniernder Menschenmenge; Mord; Blindes Panorama von New York."

„Dichter in New York" entstand in seinen Hauptteilen um 1929/1930 während Federico Garcia Lorcas’ Aufenthalt in Amerika. Lorcas Gedichte zeugen von der angespannten Gefühlslage und dem Kulturschock. In einem dichten Geflecht aus Metaphern – typisch für die spanische Lyrik – bringt er Phantasie, Träume, Gefühle, Erinnerungen und Alltag zusammen. Dabei wechselt die Stimmung von überschwänglich euphorisch bis zu Tode betrübt. Während Lorcas Reise kam es in den USA zum Börsencrash. Auch dieses Ereignis spiegelt sich in dem Werk wider. Es thematisiert den Gegensatz von Natur und Zivilisation und verurteilt rassistische und vorurteilsbehaftete Missstände sowie die Entmenschlichung in der modernen Gesellschaft.

„Dichter in New York“ erschien erst 1940 posthum in einem mexikanischen sowie einem New Yorker Verlag.

Federico García Lorca wurde am 5. Juni 1898 in dem Dorf Fuentevaqueros geboren. 1909 zog die Familie in die Provinzhauptstadt Granada. 1929 begab er sich auf eine Reise nach New York und Cuba. Als er ein Jahr später nach Spanien zurückkehrte, hatte sich die politische Lage im Land sehr verändert. Im April 1931 kam es zur Abdankung des Königs und die Republik wurde ausgerufen. Die folgenden fünf Jahre der Demokratie waren Lorcas künstlerische Blütezeit.

Mit dem Militärputsch unter General Franco gegen die junge Republik 1936 sollte das „wahre Spanien“ wiederhergestellt werden. Mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 und dem Sieg der Putschisten unter General Francisco Franco fand Lorcas kurze Karriere ein jähes Ende. Franco verfügte, sämtliche Werke mit „sozialistischen und kommunistischen Tendenzen“ aus allen Bibliotheken zu entfernen und zu vernichten. In den Jahren der franquistischen Diktatur wurden mehrere Kataloge inkriminierter Literatur erstellt.

Lorca wurde vorgeworfen sozialistische Ideen zu verbreiten. Er hatte mehrere antifaschistische Manifeste unterschrieben. Nicht nur wegen der politischen Einstellung, sondern auch aufgrund seiner Homosexualität, geriet er in das Visier. Im August 1936 wurde Lorca verschleppt und erschossen. Über die Umstände seines Todes erfuhr die Öffentlichkeit nichts. In der erst 1940 offiziell ausgestellten Todesurkunde heißt es, er wäre „infolge kriegsbedingter Verletzungen verstorben“. Lorca war einer der schätzungsweise 600.000 Menschen, die während des Bürgerkrieges umkamen. Viele Gegner fielen den Säuberungskationen der Militärdiktatur zum Opfer.