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Heinrich Böll - Leben und Werk

Die Beschäftigung mit Heinrich Böll bedeutet auch zugleich die Auseinandersetzung mit einem Stück deutscher Zeitgeschichte. Wie kaum ein anderer Autor seiner Zeit verstand es Böll, als kritischer Beobachter des Zeitgeschehens, Widersprüche und Ungereimtheiten der deutschen Nachkriegsgesellschaft sowohl in seinen Romanen wie auch in seinen politischen Essays zu thematisieren.

Die Wurzeln für Bölls schriftstellerische Motivation „den Dingen einen Namen zu geben“ liegen unter anderem in den politischen und sozialen Umwälzungen begründet, von denen er in seiner Kindheit und Jugend betroffen war. Zwölfjährig erlebte er 1929 den Schwarzen Freitag, der Deutschland in die Rezession stieß.

Vom wirtschaftlichen Niedergang betroffen, musste seine Familie das Haus in einem Kölner Vorort verkaufen und eine Mietwohnung in der Innenstadt beziehen. Die Machtergreifung Hitlers, Massenarbeitslosigkeit und marodierende NS-Jugendgruppen prägten das alltägliche Bild seiner Umgebung.
Der jugendliche Böll fand seine Wertorientierung in den Werken katholischer Kulturtheoretiker, den Autoren des nouveau catholique. Entscheidend beeinflusste ihn Léon Bloys Armutstheologie. Das (Mit-)Leiden, dargestellt im Kreuzessymbol, und das Bestreben der Aufklärung, durch eine Revolution im Geiste, waren Positionen, die er sich zu eigen machte. Sie bilden zeitlebens den Motor für sein künstlerisches und politisches Handeln. Die Romane, wie „Billard um halb zehn“ oder „Ansichten eines Clowns“, zeigen dies deutlich.

In „Billard um halb zehn“ erlangen ehemalige NS-Leute im Nachkriegsdeutschland wieder einflussreiche Posten. Die zweite Hauptgruppe sind die vom Krieg und Flucht Gebrochenen. Wie auch im Roman „Ansichten eines Clowns“ wird die Rolle des deutschen Katholizismus während und nach dem Krieg kritisch durchleuchtet anhand der Protagonisten. Das Leben des Clowns Hans Schnier scheitert durch die Strenge katholischer Ethik.

Er sei kein Schriftsteller, der die Folgen des Weltkriegs akzeptiere, so Böll. In zahlreichen Reden erhebt er das Wort gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik, gegen den Erlass der Notstandsgesetze, die er als inhuman, demokratie- und friedensgefährdend einstuft. Er redet gegen das schon seinerzeit profit- und interessegeleitete Verhalten der bundesdeutschen Gesellschaft und gegen einseitige, verleumderische Berichterstattung der Medien, dessen Opfer er und seine Familie wurden. Teile der rechten Medien- und Parteienlandschaft sahen Böll und andere Intellektuelle als die geistigen Brandstifter des Terrorismus.

In dem Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" thematisiert Böll die Auswirkungen verleumderischer Berichterstattung. Die Protagonistin erschießt einen Reporter, von dem sie für den Tod ihrer Mutter öffentlich verantwortlich gemacht und an den Pranger gestellt wurde.

Böll redete auch gegen den Kalten Krieg und für Willy Brandt, dessen Entspannungs- und Ostpolitik er unterstützte. Doch die Hoffnung auf weltweite Entspannung realisierte sich nur auf wirtschaftlichem Sektor. Menschenrechtsverletzungen waren, wie heute, in vielen Staaten an der Tagesordnung. Die Forderung nach politischem Druck und innerstaatlicher Einflussnahme seitens der Regierungen gegenüber Unrechtsstaaten formuliert er in einem Essay mit dem programmatischen Titel „Einmischung erwünscht“. Hier verdeutlicht sich seine ideale Auffassung vom Intellektuellen und von staatlichen wie nichtstaatlichen Organisationen als Vorbild oder besser: als „Gewissen“ einer Gesellschaft. Im Ergebnis wurde Heinrich Böll selber als das „Gewissen der Nation“ bezeichnet. Eine Rolle, die er stets von sich wies.